Geschichte

Kupferstich und Radierung: die Geschichte des Tiefdrucks

Vom Kupferstich des 15. Jahrhunderts über Radierung, Aquatinta und Mezzotinto bis zum Stahlstich auf Banknoten und Briefmarken: wie der Tiefdruck entstand und was davon bis heute geblieben ist.

Veröffentlicht am 4 min Lesezeit

Etwa zur selben Zeit, als Johannes Gutenberg in Mainz den Buchdruck mit beweglichen Lettern entwickelte, entstand eine zweite, grundlegend andere Drucktechnik: der Tiefdruck. Anders als beim Hochdruck liegen hier die druckenden Stellen nicht erhaben, sondern vertieft in einer Metallplatte. Kupferstich und Radierung prägten über Jahrhunderte die Bildproduktion in Europa und leben bis heute in der Kunst und im Sicherheitsdruck fort.

Das Prinzip: Farbe aus der Vertiefung

Beim Tiefdruck werden Linien und Flächen in eine Platte, meist aus Kupfer, eingearbeitet. Zum Drucken reibt man Farbe in die Vertiefungen und wischt die glatte Oberfläche wieder sauber. Anschließend wird angefeuchtetes Papier mit hohem Druck in einer Walzenpresse auf die Platte gepresst und saugt die Farbe aus den Rillen. Typisch für Tiefdrucke sind der eingeprägte Plattenrand und der leicht erhabene, fühlbare Farbauftrag.

Der Kupferstich im 15. Jahrhundert

Der Kupferstich entstand um die Mitte des 15. Jahrhunderts, vermutlich im süddeutschen und oberrheinischen Raum, und hat seine Wurzeln im Handwerk der Goldschmiede, die Metall seit langem mit Gravuren verzierten. Mit dem Grabstichel, einem kantigen Stahlwerkzeug, schneidet der Stecher feine Furchen in die Kupferplatte. Die Linienstärke lässt sich über Druck und Winkel steuern; Schattierungen entstehen durch dichte Parallel- und Kreuzschraffuren.

Frühe Meister wie der sogenannte Meister E. S. und Martin Schongauer machten den Kupferstich zu einer eigenständigen Kunstform. Ihren Höhepunkt erreichte die Technik in Deutschland mit Albrecht Dürer (1471–1528). Seine drei „Meisterstiche“ — „Ritter, Tod und Teufel“ (1513), „Der heilige Hieronymus im Gehäus“ und „Melencolia I“ (beide 1514) — gelten bis heute als Höhepunkte der Druckgrafik. Kupferstiche erlaubten feinere Linien als Holzschnitte und eigneten sich besonders für detailreiche Darstellungen, später auch für Landkarten, Porträts und Buchillustrationen.

Die Radierung: Säure statt Stichel

Anfang des 16. Jahrhunderts kam die Radierung hinzu. Ihre Ursprünge liegen in der Verzierung von Waffen und Rüstungen; als einer der ersten, der geätzte Eisenplatten zum Drucken nutzte, gilt der Augsburger Daniel Hopfer. Auch Dürer experimentierte mit Radierungen auf Eisen.

Bei der Radierung wird die Platte mit einem säurefesten Ätzgrund überzogen. Der Künstler zeichnet mit einer Nadel in diesen Grund und legt dabei das Metall frei. Im Säurebad werden nur die freigelegten Linien in die Platte geätzt. Weil die Nadel so leicht geführt werden kann wie ein Stift, wirken Radierungen oft lockerer und zeichnerischer als Kupferstiche. Durch mehrfaches Ätzen mit Abdecken einzelner Partien lassen sich unterschiedlich tiefe und damit unterschiedlich dunkle Linien erzeugen.

Ein berühmter Meister der Radierung war Rembrandt van Rijn (1606–1669). Er kombinierte die Radierung häufig mit der Kaltnadel, bei der die Linien direkt ohne Säure in die Platte geritzt werden. Der dabei aufgeworfene Metallgrat hält zusätzlich Farbe und erzeugt samtige Linien, nutzt sich aber schon nach relativ wenigen Abzügen ab.

Flächen statt Linien: Mezzotinto und Aquatinta

Kupferstich und Radierung arbeiten mit Linien. Um auch Tonflächen und weiche Übergänge wiederzugeben, entstanden weitere Verfahren:

  • Mezzotinto (Schabkunst): Die Platte wird zunächst mit einem gezahnten Wiegeeisen gleichmäßig aufgeraut und würde so vollflächig schwarz drucken. Helle Stellen werden anschließend glatt geschabt und poliert. Das Verfahren wird Ludwig von Siegen zugeschrieben (1642) und war vor allem in England zur Reproduktion von Gemälden beliebt.
  • Aquatinta: Auf die Platte wird feiner Harzstaub aufgeschmolzen; die Säure ätzt nur in die Zwischenräume. So entstehen körnige Tonflächen, deren Helligkeit sich über die Ätzdauer steuern lässt. Die Technik verbreitete sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts; Francisco de Goya nutzte sie eindrucksvoll in seiner Folge „Los Caprichos“ (1799).
TechnikWerkzeug / VerfahrenCharakter
KupferstichGrabstichel, mechanischpräzise, an- und abschwellende Linien
RadierungRadiernadel und Säurefreie, zeichnerische Linien
KaltnadelNadel direkt ins Metallsamtige Linien, kleine Auflage
MezzotintoWiegeeisen, Schaberweiche Übergänge aus dem Dunkel
AquatintaHarzkorn und Säurekörnige Tonflächen

Stahlstich: höhere Auflagen

Kupfer ist weich, die Platten nutzen sich beim Drucken ab. Im frühen 19. Jahrhundert setzte sich deshalb, ausgehend von England, der Stahlstich durch: Gestochen wurde in Stahlplatten, die deutlich verschleißfester sind als Kupfer. Damit waren deutlich höhere Auflagen bei gleichbleibend feinen Linien möglich. Stahlstiche illustrierten im 19. Jahrhundert zahlreiche Bücher, Reiseansichten und Zeitschriften. Später erreichte man einen ähnlichen Effekt, indem man Kupferplatten galvanisch mit einer harten Stahl- oder Chromschicht überzog.

Von der Kunst zu Banknoten und Briefmarken

Die feinen, schwer nachzuahmenden Linien machten den Stichtiefdruck früh zum Verfahren für Wertpapiere, Banknoten und Briefmarken. Die erste Briefmarke der Welt, die britische „One Penny Black“ von 1840, wurde im Stichtiefdruck hergestellt. Bis heute wird das Verfahren im Banknotendruck eingesetzt — auch bei den Euro-Banknoten: Das fühlbare Relief etwa bei Schrift und Wertzahl entsteht durch Stichtiefdruck und dient als Sicherheitsmerkmal.

Die Brücke zum modernen Tiefdruck

Mit der Fotografie wurde es möglich, Bilder fotomechanisch auf Druckplatten zu übertragen. Im späten 19. Jahrhundert entwickelte Karl Klíč die Heliogravüre und legte die Grundlagen für den Rakeltiefdruck. Dabei wird das Bild in Form winziger Näpfchen in einen Druckzylinder eingebracht; ein Stahllineal, die Rakel, streift die überschüssige Farbe ab. Heute werden die Zylinder elektromechanisch oder per Laser graviert. Der industrielle Tiefdruck eignet sich vor allem für sehr hohe Auflagen, etwa bei Verpackungen oder großen Katalogen — das Grundprinzip der Farbe in der Vertiefung ist aber dasselbe wie beim Kupferstich vor über 500 Jahren.



Weiterlesen