Geschichte

Gutenberg und der Buchdruck: Was war wirklich neu?

Johannes Gutenberg entwickelte um 1450 in Mainz ein vollständiges System aus Lettern, Guss, Presse und Farbe. Hier lesen Sie, was es ausmachte, wie die 42-zeilige Bibel entstand und warum es zum Streit mit Johann Fust kam.

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Über das Leben von Johannes Gutenberg ist erstaunlich wenig bekannt. Die meisten Informationen stammen aus Gerichts- und Finanzakten, nicht aus eigenen Schriften. Kein einziges Druckwerk trägt seinen Namen. Dennoch ist unbestritten, dass in seiner Werkstatt in Mainz um die Mitte des 15. Jahrhunderts ein Verfahren entstand, das die Buchherstellung in Europa grundlegend veränderte.

Leben: Mainz und Straßburg

Gutenberg wurde um 1400 in Mainz geboren, das genaue Jahr ist nicht überliefert. Er stammte aus einer Patrizierfamilie; sein Name leitet sich vom Familienhof „zum Gutenberg“ ab. In den 1430er- und 1440er-Jahren lebte er in Straßburg. Aus einem Prozess von 1439 geht hervor, dass er dort mit Partnern an einem geheim gehaltenen Vorhaben arbeitete, zu dem unter anderem eine Presse, Blei und sogenannte „Formen“ gehörten. Ob dies bereits der Buchdruck war, ist nicht eindeutig zu belegen. Spätestens 1448 war Gutenberg zurück in Mainz, wo er 1468 starb.

Das System: vier Bausteine

Gutenbergs eigentliche Leistung war weniger eine einzelne Erfindung als das Zusammenspiel mehrerer Techniken, die zusammen erst einen wirtschaftlichen Druck in größerer Auflage ermöglichten:

  • Handgießinstrument: Nach der gängigen Darstellung wurde für jeden Buchstaben ein Stempel (Patrize) aus hartem Metall geschnitten und in weicheres Kupfer eingeschlagen. So entstand die Matrize. Mit dem verstellbaren Handgießinstrument ließen sich daraus schnell beliebig viele gleich hohe Lettern gießen — auch bei unterschiedlich breiten Buchstaben.
  • Letternlegierung: Die Lettern bestanden aus einer Legierung auf Bleibasis, vermutlich mit Zinn und Antimon. Sie schmolz bei niedriger Temperatur, füllte die Matrize sauber aus und war nach dem Erkalten hart genug für viele Drucke. Die genaue Zusammensetzung in Gutenbergs Werkstatt ist nicht überliefert.
  • Druckpresse: Die Presse war vermutlich von Spindelpressen abgeleitet, wie sie etwa beim Weinbau oder in der Papierherstellung verwendet wurden. Sie drückte das Papier gleichmäßig auf die eingefärbte Form.
  • Ölhaltige Druckfarbe: Die wässrigen Tuschen der Schreiber hafteten schlecht auf Metall. Gutenberg verwendete eine zähe Farbe auf Basis von Leinölfirnis und Ruß, die gleichmäßig deckte und tiefschwarz druckte.

Hinzu kam die Organisation der Arbeit: Setzen, Einfärben, Drucken und das Wiederverteilen der Lettern in den Setzkasten ließen sich auf mehrere Personen aufteilen. Dieses Grundprinzip des Hochdrucks mit beweglichen Lettern blieb bis ins 19. Jahrhundert im Kern unverändert.

Die 42-zeilige Bibel

Das bekannteste Werk aus Gutenbergs Werkstatt ist die lateinische Bibel, die nach der Zeilenzahl ihrer zweispaltigen Seiten als 42-zeilige Bibel (B42) bezeichnet wird. Sie war um 1454/55 fertiggestellt; der spätere Papst Pius II., Enea Silvio Piccolomini, berichtete 1455 in einem Brief, er habe in Frankfurt Lagen dieser Bibel gesehen. Gedruckt wurde auf Papier und auf Pergament. Die Gesamtauflage wird auf etwa 180 Exemplare geschätzt, von denen rund 50 ganz oder teilweise erhalten sind.

Die Bibel sollte handgeschriebenen Prachtbibeln ebenbürtig sein. Die Schrift ist eine gotische Textura, und Gutenberg verwendete zahlreiche Varianten und Ligaturen, um das gleichmäßige Bild einer Handschrift zu erreichen. Initialen, Rubriken und Buchschmuck wurden in den meisten Exemplaren nachträglich von Hand ergänzt — jedes Exemplar ist daher ein Unikat.

Fust, Schöffer und der Streit

Das Unternehmen war teuer. Der Mainzer Kaufmann Johann Fust lieh Gutenberg ab etwa 1450 in zwei Schritten größere Summen. 1455 verklagte Fust ihn auf Rückzahlung. Das erhaltene Dokument über den Ausgang, das sogenannte Helmaspergersche Notariatsinstrument, ist eine der wichtigsten Quellen über Gutenberg. In der Folge übernahm Fust vermutlich zumindest Teile der Werkstatt und des Materials.

Fust führte die Druckerei gemeinsam mit Peter Schöffer weiter, der zuvor bei Gutenberg gearbeitet hatte und später Fusts Schwiegersohn wurde. 1457 erschien bei ihnen der Mainzer Psalter. Er gilt als erstes gedrucktes Buch mit einem Druckvermerk (Kolophon), der Drucker und Datum nennt, und mit farbig gedruckten Initialen. Gutenberg selbst druckte vermutlich weiter; welche späteren Werke genau auf ihn zurückgehen, ist in der Forschung umstritten. 1465 nahm ihn der Mainzer Erzbischof in seinen Hofdienst auf und sicherte ihn damit wirtschaftlich ab.

Was war neu gegenüber Asien?

Bewegliche Lettern gab es in China und Korea schon früher, wie der Artikel über den Druck vor Gutenberg zeigt. Ein Einfluss auf Gutenberg ist nicht nachgewiesen. Neu an seinem Verfahren war vor allem die Kombination:

MerkmalOstasien (vor 1450)Gutenberg
LetternherstellungTon, Holz, in Korea gegossenes MetallSerienguss mit Matrize und Handgießinstrument
DruckvorgangAbreiben mit Bürste, ohne PresseMechanische Presse
FarbeWasserbasierte TuscheÖlhaltige Druckfarbe
SchriftsystemTausende SchriftzeichenÜberschaubares Alphabet mit wenigen Dutzend Grundzeichen

Gerade der letzte Punkt war entscheidend: Mit einem Alphabet ließ sich ein Satz Lettern viel wirtschaftlicher herstellen und wiederverwenden. Zusammen mit dem schnellen Guss, der Presse und dem in Europa verfügbaren Papier entstand ein Verfahren, das sich rasch weiterverbreiten ließ — wie der Artikel über die Ausbreitung des Buchdrucks beschreibt.