Geschichte

Die Ausbreitung des Buchdrucks in Europa

Von Mainz nach ganz Europa in wenigen Jahrzehnten: wie sich der Buchdruck verbreitete, was Inkunabeln sind, welche Rolle Venedig, die Reformation und die ersten Zeitungen spielten.

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Gutenbergs Verfahren blieb nicht lange ein Mainzer Geheimnis. Innerhalb von rund fünfzig Jahren entstanden Druckwerkstätten in weiten Teilen Europas. Mit ihnen veränderten sich die Verbreitung von Wissen, die Religion, die Politik und nicht zuletzt die Sprache.

Von Mainz in die Welt

Zunächst verbreitete sich der Buchdruck im Rheinland und in Süddeutschland. Frühe Druckorte waren unter anderem Bamberg, Straßburg und Köln. Einen Schub gab die Mainzer Stiftsfehde: Nach der Eroberung von Mainz 1462 verließen Druckergesellen die Stadt und nahmen ihr Wissen mit. Deutsche Drucker brachten die Technik anschließend in andere Länder:

  • Italien: Konrad Sweynheym und Arnold Pannartz druckten ab 1465 im Kloster Subiaco bei Rom, später in Rom selbst. 1469 begann Johannes von Speyer in Venedig.
  • Frankreich: 1470 richteten Drucker aus dem deutschsprachigen Raum an der Sorbonne in Paris eine Werkstatt ein.
  • England: William Caxton lernte das Drucken auf dem Kontinent, druckte zunächst in Brügge und gründete 1476 in Westminster die erste Druckerei Englands.
  • Weitere Zentren entstanden unter anderem in Basel, Nürnberg, Augsburg, Lyon und in den Niederlanden.

Inkunabeln: die Wiegendrucke

Drucke, die bis einschließlich 1500 entstanden, heißen Inkunabeln oder Wiegendrucke — nach lateinisch „incunabula“, Windeln oder Wiege. Die Grenze ist eine Konvention der Bibliothekswissenschaft, kein technischer Einschnitt. Bekannt sind heute mehrere zehntausend Ausgaben aus dieser Zeit. Frühe Inkunabeln orientierten sich stark an Handschriften: Es gab meist kein Titelblatt, Initialen wurden von Hand eingemalt, und Angaben zu Drucker und Datum standen, wenn überhaupt, am Ende im Kolophon. Titelblatt, Seitenzählung und Inhaltsverzeichnis setzten sich erst allmählich durch.

Venedig und Aldus Manutius

Gegen Ende des 15. Jahrhunderts war Venedig das bedeutendste Druckzentrum Europas. Die Handelsstadt bot Kapital, Papier, Vertriebswege und ein gebildetes Publikum. Besonders einflussreich war der Humanist und Verleger Aldus Manutius, der in den 1490er-Jahren seine Offizin gründete. Er veröffentlichte zahlreiche Erstausgaben griechischer Klassiker.

Zwei Neuerungen sind mit seinem Namen verbunden: die Kursive, eine schräge, platzsparende Schrift, die sein Stempelschneider Francesco Griffo schnitt und die erstmals 1501 in einer Vergil-Ausgabe verwendet wurde, und die Verbreitung des handlichen Oktavformats für Klassikerausgaben. Diese kleinen Bücher waren günstiger und tragbar — ein Vorläufer des heutigen Taschenbuchs. Auch die Antiqua-Schriften aus Venedig prägen die Typografie bis heute.

Reformation und Flugschriften

Die Reformation gilt als erstes großes Ereignis, das maßgeblich durch den Druck getragen wurde. Nach Martin Luthers Thesen von 1517 erschienen in kurzer Zeit zahlreiche Flugschriften: kurze, günstige Drucke von wenigen Blättern, oft auf Deutsch und mit Holzschnitten illustriert. Luther selbst war einer der meistgedruckten Autoren seiner Zeit. Seine Übersetzung des Neuen Testaments erschien 1522, die vollständige Bibel 1534. Auch die Gegner der Reformation nutzten den Druck für ihre Schriften.

Die ersten Zeitungen

Neben Büchern und Flugschriften entstanden neue Formate. Nachrichten wurden zunächst in einzelnen „Neuen Zeitungen“ verbreitet, die nur unregelmäßig erschienen. Als erste Zeitung im heutigen Sinne mit regelmäßigem Erscheinen gilt die „Relation“, die der Buchhändler und Drucker Johann Carolus ab 1605 in Straßburg herausgab. Kurz darauf folgte 1609 der „Aviso“ in Wolfenbüttel. Als erste Tageszeitung gilt ein Blatt, das ab 1650 in Leipzig erschien.

Zensur und Kontrolle

Weltliche und kirchliche Obrigkeiten erkannten früh, dass sich gedruckte Texte schwer kontrollieren ließen. Schon in den 1480er Jahren erließ etwa der Mainzer Erzbischof Vorschriften zur Vorzensur. Die katholische Kirche veröffentlichte 1559 erstmals einen päpstlichen Index verbotener Bücher. Auch protestantische Territorien und Städte kontrollierten Druckereien. Viele Drucke erschienen daher anonym, mit falschem Druckort oder im Ausland.

Folgen für Wissen und Sprache

  • Identische Texte: Erstmals lagen viele gleiche Exemplare vor. Gelehrte konnten sich auf dieselbe Seite beziehen, Fehler wurden in Neuauflagen korrigiert statt beim Abschreiben vervielfacht.
  • Mehr Leser: Bücher wurden günstiger, und neben Latein gewannen die Volkssprachen an Bedeutung.
  • Einheitlichere Schriftsprache: Drucker wollten große Regionen erreichen und bevorzugten überregional verständliche Formen. Im Deutschen trugen dazu vor allem die Lutherbibel und die Drucke aus Wittenberg bei.
  • Neue Berufe und Märkte: Verleger, Buchhändler und Messen, etwa in Frankfurt, organisierten den Handel mit Büchern.



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