Geschichte

Lithografie und Steindruck: Senefelders Erfindung

Ende des 18. Jahrhunderts erfand Alois Senefelder in München den Steindruck — das erste Flachdruckverfahren. Wie es funktioniert, wie es Plakate farbig machte und warum der heutige Offsetdruck direkt darauf aufbaut.

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Jahrhundertelang beruhte der Druck in Europa vor allem auf zwei Grundprinzipien: den Hochdruck, bei dem erhabene Stellen drucken (Holzschnitt, Buchdruck), und den Tiefdruck, bei dem die Farbe in Vertiefungen sitzt (Kupferstich, Radierung). Ende des 18. Jahrhunderts kam ein drittes Prinzip hinzu, bei dem druckende und nichtdruckende Stellen auf derselben Ebene liegen: der Flachdruck. Seine erste Form war die Lithografie, der Steindruck.

Alois Senefelder und die Erfindung

Alois Senefelder (1771–1834) war Schauspieler und Theaterautor in München. Weil ihm der Druck seiner Stücke zu teuer war, suchte er nach einem günstigeren Vervielfältigungsverfahren und experimentierte mit Platten aus Solnhofener Kalkstein, der in Bayern leicht verfügbar war. Um 1796 gelangen ihm erste Drucke, zunächst noch mit hochgeätzten Stellen. Gegen 1798 entwickelte er daraus den eigentlichen „chemischen Druck“, der allein auf dem Gegensatz von Fett und Wasser beruht.

Senefelder erhielt in Bayern ein Privileg für sein Verfahren und beschrieb es 1818 ausführlich in seinem „Vollständigen Lehrbuch der Steindruckerey“. Anfangs wurde der Steindruck vor allem für Notendrucke genutzt; bald kamen Landkarten, Formulare, Etiketten und Kunstblätter hinzu. Der Name Lithografie leitet sich von den griechischen Wörtern für „Stein“ und „schreiben“ ab.

Das Prinzip: Fett und Wasser stoßen sich ab

Der Steindruck funktioniert ohne Relief. Entscheidend ist, dass fetthaltige Druckfarbe und Wasser sich gegenseitig abstoßen. Der Ablauf in vereinfachter Form:

  1. Der fein geschliffene Kalkstein wird mit fetthaltiger Lithokreide oder Tusche bezeichnet — seitenverkehrt, da der Druck spiegelbildlich erfolgt.
  2. Eine Lösung aus Gummi arabicum und etwas Säure präpariert den Stein: Die unbezeichneten Stellen werden wasserfreundlich, die Zeichnung bleibt fettfreundlich.
  3. Vor jedem Druck wird der Stein angefeuchtet. Das Wasser haftet nur auf den freien Flächen.
  4. Die fettige Druckfarbe wird aufgewalzt und haftet nur auf der Zeichnung.
  5. Papier wird aufgelegt und in der Presse abgezogen.

Der große Vorteil: Künstler konnten direkt auf den Stein zeichnen, ohne Stichel oder Säureätzung von Linien. Weiche Kreidestriche, Flächen und Übergänge ließen sich unmittelbar wiedergeben. Senefelder entwickelte zudem das Umdruckverfahren, bei dem auf Spezialpapier geschrieben oder gezeichnet und die Vorlage anschließend auf den Stein übertragen wird — so musste nicht mehr seitenverkehrt gearbeitet werden.

Farbe: die Chromolithografie

Für mehrfarbige Drucke wurde für jede Farbe ein eigener Stein angefertigt und nacheinander passgenau auf denselben Bogen gedruckt. Diese Chromolithografie verbreitete sich ab den 1830er Jahren; aufwendige Blätter benötigten teils zehn und mehr Steine. Im 19. Jahrhundert wurde sie zum wichtigsten Verfahren für farbige Massenbilder: Kunstreproduktionen, Sammelbilder, Etiketten, Verpackungen, Glückwunschkarten und Werbedrucke.

Das künstlerische Plakat

Besonders prägend war die Lithografie für das Plakat. Im Paris des späten 19. Jahrhunderts entstanden große, farbige Bildplakate, die das Straßenbild veränderten. Jules Chéret gilt als einer der Wegbereiter des modernen Werbeplakats; Henri de Toulouse-Lautrec schuf lithografierte Plakate für Pariser Vergnügungsstätten wie das Moulin Rouge. Flächige Farben, kräftige Konturen und wenig Text — viele Gestaltungsprinzipien dieser Plakate gelten bis heute.

Auch in der freien Kunst blieb die Lithografie wichtig. Honoré Daumier veröffentlichte zahlreiche lithografierte Karikaturen in Pariser Zeitschriften, und viele Künstler des 19. und 20. Jahrhunderts nutzten die Technik für Originalgrafik.

Vom Stein zum Offsetdruck

Die schweren, zerbrechlichen Steine begrenzten Format und Tempo. Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurden Steindruckschnellpressen gebaut, und man ersetzte den Stein zunehmend durch dünne, gekörnte Metallplatten aus Zink und später Aluminium, die sich auch um Zylinder biegen ließen. Das chemische Prinzip blieb dasselbe.

Anfang des 20. Jahrhunderts folgte der entscheidende Schritt: Beim Offsetdruck wird das Bild nicht mehr direkt von der Platte auf das Papier gedruckt, sondern zuerst auf ein Gummituch und von dort auf den Bedruckstoff übertragen. Der Offsetdruck ist damit ein indirekter Flachdruck — und im Kern eine Weiterentwicklung von Senefelders Steindruck. Auch heute beruht der konventionelle Offsetdruck auf dem Zusammenspiel von Feuchtmittel und fetthaltiger Farbe; eine Ausnahme ist der wasserlose Offsetdruck, bei dem eine Silikonschicht die Rolle des Wassers übernimmt.

MerkmalSteindruck (19. Jh.)Offsetdruck (heute)
DruckformKalksteinAluminiumplatte
PrinzipFlachdruck, Fett/WasserFlachdruck, Farbe/Feuchtmittel
Übertragungdirekt vom Stein aufs Papierindirekt über ein Gummituch
BebilderungZeichnung oder UmdruckBelichtung aus digitalen Daten



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