Geschichte

Geschichte des Plakats: vom Anschlagzettel zur Großfläche

Wie aus gedruckten Bekanntmachungen das farbige Bildplakat wurde: Lithografie, Chéret und Toulouse-Lautrec, Jugendstil, Litfaßsäule, Sachplakat, Schweizer Stil und das Plakat im digitalen Zeitalter.

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Ein Plakat muss im Vorbeigehen wirken. Diese Anforderung hat seine Geschichte geprägt: Aus reinen Textaushängen wurden großformatige Bilder, aus handwerklich gedruckten Einzelstücken Kampagnen in hohen Auflagen. Dabei spiegelt das Plakat wie kaum ein anderes Druckprodukt Technik, Kunst und Zeitgeist seiner Epoche.

Anschlagzettel: der Text im Vordergrund

Schon kurz nach der Erfindung des Buchdrucks wurden gedruckte Zettel öffentlich angeschlagen: amtliche Bekanntmachungen, Verordnungen, Ankündigungen von Märkten oder Buchangebote. Über Jahrhunderte waren solche Anschlagzettel vor allem Textdrucke, ergänzt allenfalls durch einen Holzschnitt. Auch Theaterzettel, die Aufführungen ankündigten, gehören zu dieser Tradition. Mit der Industrialisierung wuchs der Bedarf an Werbung, und Drucker setzten zunehmend große, auffällige Schriften aus Holzlettern ein — plakativ im Wortsinn, aber noch kaum bildhaft.

Die Lithografie macht das Plakat farbig

Der entscheidende technische Schritt war die Lithografie. Künstler konnten direkt auf den Stein zeichnen, und mit der Farblithografie ließen sich Motive in mehreren Farben in größerem Format drucken — für jede Farbe mit einem eigenen Stein. Wie der Steindruck funktioniert, erklärt der Artikel über Lithografie und Steindruck.

In Paris entwickelte Jules Chéret ab den 1860er Jahren das farbige Bildplakat zu einer eigenen Kunstform. Er gilt als einer der Wegbereiter des modernen Plakats: große Figuren, leuchtende Farben, wenig Text. Henri de Toulouse-Lautrec schuf ab 1891 Plakate für Pariser Vergnügungsstätten wie das Moulin Rouge. Seine flächigen Farben, starken Umrisse und angeschnittenen Figuren — beeinflusst unter anderem vom japanischen Farbholzschnitt — wirken bis heute modern. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurden Plakate in Paris so populär, dass sie gesammelt und in Ausstellungen gezeigt wurden.

Jugendstil und Alfons Mucha

Um 1900 prägte der Jugendstil, international Art nouveau genannt, auch das Plakat. Besonders bekannt sind die Plakate des aus Mähren stammenden Alfons Mucha, der in Paris arbeitete. Sein Plakat für die Schauspielerin Sarah Bernhardt im Stück „Gismonda“ (um 1894/95) machte ihn bekannt. Typisch für seinen Stil sind schlanke, hochformatige Kompositionen, Frauenfiguren mit fließendem Haar, ornamentale Rahmen und gedeckte Farben. In Deutschland und Österreich griffen Zeitschriften und Künstlergruppen den Jugendstil ebenfalls auf.

Die Litfaßsäule

Mit der Zahl der Plakate wuchs das Problem des wilden Plakatierens an Hauswänden, Zäunen und Bäumen. Der Berliner Drucker Ernst Litfaß erhielt die Genehmigung, eigens dafür vorgesehene Anschlagsäulen aufzustellen; die ersten wurden 1855 in Berlin eingeweiht. Die Säulen boten geordnete Flächen für Bekanntmachungen und Werbung und verbreiteten sich rasch in anderen Städten. Im deutschsprachigen Raum tragen sie bis heute seinen Namen.

Das Sachplakat: reduziert aufs Produkt

Anfang des 20. Jahrhunderts entstand in Berlin ein Gegenentwurf zum ornamentreichen Jugendstil: das Sachplakat. Als Schlüsselwerk gilt ein Plakat für Streichhölzer, das Lucian Bernhard um 1905/06 entwarf. Es zeigt kaum mehr als das Produkt und den Markennamen auf einfarbigem Grund. Die Idee — ein klar erkennbares Motiv, wenige Farben, ein einziges Wort — wurde für die Werbegrafik prägend. Neben Bernhard stehen Gestalter wie Ludwig Hohlwein in München für die hohe Qualität des deutschen Plakats dieser Zeit.

Plakate als politisches Medium

Im Ersten Weltkrieg setzten alle beteiligten Staaten Plakate in großem Umfang ein: zur Anwerbung von Soldaten, für Kriegsanleihen, zum Sparen von Rohstoffen. In der Weimarer Republik wurden Wahlplakate zu einem zentralen Mittel des politischen Wettbewerbs. Totalitäre Regime des 20. Jahrhunderts, darunter das nationalsozialistische Deutschland und die Sowjetunion, nutzten das Plakat systematisch als Propagandainstrument. Solche Plakate sind heute wichtige historische Quellen und werden in Museen und Archiven gesammelt und kritisch eingeordnet. Wahlplakate prägen bis heute in Deutschland, Österreich und der Schweiz das Straßenbild vor Wahlen und Abstimmungen.

Der Schweizer Plakatstil

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Schweiz zu einem Zentrum der Plakatgestaltung. Der sogenannte Schweizer Stil, auch Internationaler Typografischer Stil genannt, setzte auf Gestaltungsraster, serifenlose Schriften, sachliche Fotografie und klare, oft asymmetrische Kompositionen. Gestalter aus Zürich und Basel, etwa Josef Müller-Brockmann und Armin Hofmann, beeinflussten damit Grafikdesign und Ausbildung weit über die Schweiz hinaus. Zur Typografie dieser Zeit mehr im Beitrag über die Geschichte der Schrift.

Das Plakat heute

Auch heute ist das Plakat im öffentlichen Raum präsent. Großflächenplakate werden aus mehreren Bogen zusammengesetzt und auf Plakatwände geklebt; dafür verwendet man häufig Papiere mit blau eingefärbter Rückseite, damit ältere Plakate darunter nicht durchscheinen. Hinterleuchtete Vitrinen an Haltestellen und in Bahnhöfen, sogenannte City-Light-Poster, sowie Litfaßsäulen gehören ebenfalls zum Stadtbild. Zunehmend ergänzen digitale Bildschirme im Außenbereich, oft als Digital Signage oder Digital Out-of-Home bezeichnet, das gedruckte Plakat: Motive lassen sich dort zeitgesteuert wechseln und animieren.

Gedruckt werden Plakate heute meist im Offset- oder Digitaldruck, große Formate häufig im Großformat-Inkjet. Für Veranstaltungen, Ausstellungen, Schaufenster und den Innenbereich bleibt das gedruckte Plakat ein einfaches und vergleichsweise günstiges Werbemittel.




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