Geschichte

Geschichte des Papiers: von Cai Lun bis zum Recyclingpapier

Wie Papier in China entstand, über die islamische Welt nach Europa kam, aus Lumpen geschöpft und schließlich aus Holz hergestellt wurde — und warum viele Bücher des 19. und 20. Jahrhunderts heute zerfallen.

Veröffentlicht am 5 min Lesezeit

Ohne Papier hätte sich der Buchdruck kaum durchsetzen können. Pergament war für größere Auflagen meist zu teuer und zu knapp — selbst von Gutenbergs Bibel wurde nur ein Teil der Exemplare auf Pergament gedruckt. Die Geschichte des Papiers ist deshalb eng mit der Geschichte des Drucks verbunden — und sie reicht deutlich weiter zurück als die des Drucks in Europa.

Vorläufer: Papyrus und Pergament

Im alten Ägypten schrieb man auf Papyrus. Dafür wurde das Mark der Papyrusstaude in Streifen geschnitten, kreuzweise übereinandergelegt, gepresst und getrocknet. Papyrus ist also kein Papier im eigentlichen Sinn, sondern ein Geflecht aus Pflanzenstreifen — hat dem Papier aber seinen Namen gegeben. Im Mittelmeerraum war er über Jahrtausende das wichtigste Schreibmaterial.

Daneben setzte sich Pergament durch: enthaarte, gespannte und getrocknete Tierhaut, meist von Kalb, Schaf oder Ziege. Der Name geht auf die Stadt Pergamon in Kleinasien zurück, die als bedeutender Herstellungsort galt. Pergament ist sehr haltbar und beidseitig beschreibbar und wurde im europäischen Mittelalter zum vorherrschenden Beschreibstoff für Bücher. Für eine einzige große Handschrift waren allerdings die Häute vieler Tiere nötig.

Die Erfindung in China

Echtes Papier entsteht, indem Pflanzenfasern in Wasser zerfasert und auf einem Sieb zu einem Blatt verfilzt werden. Diese Technik stammt aus China. Die Überlieferung schreibt sie dem Hofbeamten Cai Lun zu, der um 105 n. Chr. dem Kaiser ein Papier aus Baumrinde, Hanf, Lumpen und alten Fischernetzen vorgestellt haben soll. Archäologische Funde zeigen allerdings, dass es in China schon vorher papierähnliche Materialien gab; Cai Lun gilt heute eher als derjenige, der die Herstellung verbesserte und verbreitete. Von China aus gelangte die Papierherstellung nach Korea und Japan.

Über die islamische Welt nach Europa

Nach Westen kam das Papier über Zentralasien. Einer verbreiteten Überlieferung nach lernten Handwerker in Samarkand die Technik Mitte des 8. Jahrhunderts von chinesischen Kriegsgefangenen; die Forschung hält diese Geschichte jedoch für nicht sicher belegt. Sicher ist, dass Samarkand, Bagdad, Damaskus und Kairo in den folgenden Jahrhunderten bedeutende Zentren der Papierherstellung wurden. In der islamischen Welt verwendete man vor allem Leinen- und Hanflumpen als Rohstoff — ein Verfahren, das Europa später übernahm.

Über Nordafrika gelangte das Papier nach Spanien, wo im 11. und 12. Jahrhundert Papier hergestellt wurde, etwa in Xàtiva. Im 13. Jahrhundert folgte Italien mit Fabriano, das bis heute als Papierstadt bekannt ist. Die erste gut belegte Papiermühle im deutschsprachigen Raum betrieb der Nürnberger Kaufmann Ulman Stromer ab 1390.

Papiermühle und Hadern

Der Rohstoff für europäisches Papier waren über Jahrhunderte Hadern: Lumpen aus Leinen, Hanf und später Baumwolle. Lumpensammler zogen durchs Land, und manche Landesherren verboten die Ausfuhr von Lumpen, um die eigenen Mühlen zu versorgen. Die Herstellung lief in mehreren Schritten ab:

  1. Die Hadern wurden sortiert, zerschnitten und in feuchtem Zustand angefault, um die Fasern zu lockern.
  2. Wassergetriebene Stampfwerke, später der im 17. Jahrhundert in den Niederlanden entwickelte „Holländer“, zerkleinerten sie zu einem Faserbrei.
  3. Der Schöpfer tauchte ein Sieb aus feinem Draht in die Bütte und hob eine gleichmäßige Faserschicht heraus.
  4. Der Gautscher legte das nasse Blatt auf einen Filz ab; Stapel aus Filzen und Blättern wurden gepresst.
  5. Die Bogen wurden getrocknet und für Schreibpapier mit tierischem Leim geleimt, damit die Tinte nicht verlief.

Handgeschöpftes Papier dieser Art heißt Büttenpapier. Es wird in kleinem Umfang bis heute hergestellt; maschinell gefertigte Papiere mit ähnlicher Anmutung werden als Maschinenbütten bezeichnet.

Wasserzeichen

Eine europäische Neuerung, die in Italien gegen Ende des 13. Jahrhunderts aufkam, ist das Wasserzeichen. Dazu wurde eine Figur aus Draht auf das Schöpfsieb genäht. An dieser Stelle lagert sich weniger Faserstoff ab, sodass das Motiv im Gegenlicht heller erscheint. Wasserzeichen kennzeichneten Mühle, Qualität oder Format. Weil sich Siebe abnutzten und ersetzt wurden, helfen Wasserzeichen der Forschung heute, undatierte Handschriften und Drucke zeitlich einzuordnen. Als Sicherheitsmerkmal finden Sie Wasserzeichen noch heute in Banknoten, Urkundenpapieren und hochwertigem Briefpapier.

Papiermangel und der Weg zum Holz

Mit der Papiermaschine um 1800 und den schnellen Druckpressen stieg der Bedarf an Papier stark an — Lumpen wurden zum Engpass. Die Lösung war Holz. In den 1840er Jahren entwickelte der Sachse Friedrich Gottlob Keller ein Verfahren, Holz an einem Schleifstein zu Holzschliff zu zerfasern. Im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts kamen chemische Verfahren hinzu, mit denen sich aus Holz Zellstoff gewinnen lässt, darunter das Sulfit- und später das Sulfatverfahren. Holzschliff enthält noch den Holzbestandteil Lignin und vergilbt am Licht; Zellstoff ist weitgehend davon befreit. Die technische Seite dieses Umbruchs schildert der Artikel über die Industrialisierung des Drucks.

Säurefraß und alterungsbeständiges Papier

Die billigen Industriepapiere hatten einen Nachteil, der sich erst Jahrzehnte später zeigte. Neben dem Lignin im Holzschliff war vor allem die im 19. Jahrhundert eingeführte Leimung mit Harz und Alaun verantwortlich: Sie hinterlässt Säure im Papier, die die Zellulosefasern mit der Zeit zersetzt. Viele Bücher, Zeitungen und Akten aus der Zeit zwischen etwa der Mitte des 19. und dem späten 20. Jahrhundert werden gelb, spröde und brüchig. Bibliotheken und Archive begegnen diesem Säurefraß unter anderem mit Massenentsäuerung und Digitalisierung.

Seit dem späten 20. Jahrhundert wird ein großer Teil der Papiere neutral oder alkalisch geleimt und oft mit Calciumcarbonat als Puffer gegen Säure versehen. Für Dokumente, die lange halten sollen, gibt es alterungsbeständige Papiere nach der Norm ISO 9706; sie sind häufig mit einem Unendlich-Zeichen in einem Kreis gekennzeichnet. Für Abschlussarbeiten, Chroniken oder Urkunden kann das eine sinnvolle Wahl sein.

Recyclingpapier heute

Heute ist Altpapier ein wichtiger Rohstoff der Papierindustrie, gerade in Deutschland. Recyclingpapier war lange als grau und rau verschrien; moderne Sorten sind dagegen hell, gut bedruckbar und auch für Broschüren, Briefpapier oder Bücher geeignet. Umweltzeichen wie der Blaue Engel kennzeichnen Papiere aus Altpapier, das FSC- und das PEFC-Siegel stehen vor allem für Holz aus zertifizierter Forstwirtschaft, beim FSC teils auch für Recyclingfasern. Welche Sorte für Ihr Projekt passt, hängt von Motiv, Verwendungszweck und den Möglichkeiten der Druckerei ab.



Weiterlesen